Vocalensemble Würzburg - Der feine Chor aus Würzburg

Das Hohe Lied der Liebe

Das Hohe Lied der Liebe

Als ich diesen Text vor vielen Jahren zum ersten Mal bewusst las, wäre ich nie auf die Idee gekommen, ihn dem Alten Testament zuzuordnen.

Welch überirdisch schöne Beschreibung des Sehnens zweier Liebender nacheinander - obgleich doch Eva und Adam schön längst aus dem Paradies vertrieben waren!

Die Kraft dieser Worte erinnert mich viel mehr an einen vorchristlichen Schöpfungsmythos denn an eine biblische Geschichte. Noch längst bevor sich ein Schöpfergott ermächtigte, von außerhalb der Welt das Leben auf der Erde durch das Wort zu erschaffen, sorgte die Göttin durch die liebende Vereinigung mit ihrem Heros für das Weiterleben der Natur. Die Liebe als Schöpfungsprinzip: nur durch die Liebe kann die Welt entstehen und weiter bestehen. Also wurde die Heilige Hochzeit in jedem Jahr erneut gefeiert.

Den Jahreszyklus der Natur im Text zu erkennen, lag nahe. So hatten wir einen roten Faden für unsere tänzerische Inszenierung gefunden.

Die Choreographie ist zuerst durch die Worte und Bilder des Bibeltextes inspiriert und dann erst mit den Liedvertonungen verknüpft worden.

Lisa Kuttner, Oktober 2007








 „Du bist aller Dinge schön“ – Das Hohelied in der Musik

„Ganz schön bist du, meine Freundin, und kein Fehler ist an dir.

Süße tropft von deinen Lippen, Honig und Milch sind unter deiner Zunge, der Duft deiner Salben ist über allen Wohlgerüchen.“

Was für eine bemerkenswerte Liedsammlung findet sich nach dem Buch Kohelet (Prediger) im Alten Testament der Bibel! Dichter, Literaten und ganz besonders Komponisten lieben und schätzen die Sammlung von etwa 30 Liebesliedern des alten Testaments, die in den alten Quellen als Shir ha Shirim oder Canticum Canticorum, also als „Lied der Lieder“ bezeichnet werden – erst Luther benannte sie als das Hohelied –, als eine der frühesten und schönsten Sammlungen lyrischer Liebesgedichte der Menschheit.

Bildreich, verträumt und bisweilen ausgesprochen blumig sind diese Texte, die eindeutig die Annäherung zweier Liebender schildern. Wechselweise sprechen in diesen Liedern ein Mann und eine Frau, gelegentlich auch eine Art Chor. Die Frau trägt den Namen Sulamith und obwohl der Mann gern als Salomo benannt wird, ist seine Urheberschaft als Dichter eher zweifelhaft. Eindeutig handelt es sich jedoch bei dieser Lyrik um Kunstdichtung einer Oberschicht. Zum Teil sind die Texte mehr als 2500 Jahre alt und deutlich sind in sie syrische und altägyptische Motive eingeflossen; es gibt sogar Parallelen zu sumerischen Schilderungen der Vermählung des Fruchtbarkeitsgottes Tammuz mit der Göttin Ischtar.

Im Hohelied ist also nichts von jener „Lustfeindlichkeit“ zu spüren, die der christlichen Tradition oft vorgeworfen wird. Dementsprechend heiß umstritten ist die theologische Deutung dieses Buches immer gewesen, sowohl in jüdischen als auch in christlichen Kreisen. Männern unter 30 war es zwischenzeitlich sogar verboten, darin zu lesen. Im Mittelalter wurde die eindeutige Sprache des geschlechtlichen Begehrens zwischen Mann und Frau allegorisch als das Liebesverhältnis zwischen Gott und seinem auserwählten Volk (im Judentum) bzw. der Kirche als Braut Christi (im Christentum) oder zwischen Gott und der Seele interpretiert. In der Traditon der christlichen Mystik wurde auch die Geliebte Sulamith als Repräsentation der Gottesmutter Maria angesehen.

Heute teilen Theologen verschiedenster Konfessionen die Auffassung Dietrich Bonhoeffers über das Hohelied: „Ich möchte es tatsächlich als irdisches Liebeslied lesen.“ Gegen die traditionellen religiösen Deutungen und gegen ein rein weltliches Verständnis wendet sich der jüdische Religionsphilosoph Franz Rosenzweig: „Nicht obwohl, sondern weil das Hohe Lied ein ,echtes’, will sagen: ein ,weltliches’ Liebeslied war, gerade darum war es ein echtes ,geistliches’ Lied der Liebe Gottes zum Menschen. Der Mensch liebt, weil und wie Gott liebt. Seine menschliche Seele ist die von Gott erweckte und geliebte Seele.“

Aus dem reichen Schatz der Vertonungen, zu denen das Hohelied Komponisten inspirierte, wählte das Vocalensemble Würzburg Werke aus Renaissance, Barock, Romantik und Moderne. Neben Werken des Coburger Stadtkapellmeisters Melchior Franck (1580-1639), die in ihrer akkordischen Satzweise deutlich von der venezianischen Mehrchörigkeit beeinflusst sind, musiziert das Vokalensemble die Vertonung von Ego dormio aus den Cantiones Sacrae von Heinrich Schütz (1585-1672). Diese Sammlung mit vierzig lateinischen Motetten zu vier Stimmen, überwiegend ohne (!) Generalbass-Begleitung, erschien im Jahr 1625 und stellt in ihrer Ausdruckskunst einen Gipfelpunkt im Werk von Schütz dar. Dies stellt an die Sänger höchste Anforderungen, insbesondere wenn es darum geht, die aus dem Text geborenen musikalischen Bilder und Symbole sinnfälllig umzusetzen. Auch Henry Purcells (1659-1695) I am the rose of Sharon steht noch deutlich in dieser Tradition, die letztlich bis zu der polyphonen Kunst eines Orlando di Lasso (1532–1595) zurückreicht.

Während die hier vorgestellten Werke von Hermann Schroeder (*1904) und Maurice Duruflé (1902–1986) deutlich auf historische Vorbilder zurückgreifen und sich eher beiläufig als Schöpfungen der Moderne zu erkennen geben, scheinen jüngere Komponisten wieder mehr persönlichen Ausdruck zu wagen. Ivan Moody, 1964 in London geboren, studierte bei Brian Dennis und Sir John Taverner. Die Liturgie der orthodoxen Kirche hat starken Einfluss auf sein Schaffen. Sein Zyklus Canticum Canticorum (1984) zählt zu seinen erfolgreichsten Kompositionen. 1994 erhielt er vom Hilliard Ensemble den Auftrag für die Komposition weiterer Texte aus dem Hohelied. Mit Werken von Benjamin Britten (1913–1976) und Trond Kverno (*1945) schlägt das Vokalensemble Würzburg am Ende des Konzertes nochmals einen Bogen zur allegorischen Deutung des Hohelieds in der Traditon der Marienverehrung.

Günther Molz

Das Hohe Lied der Liebe

Programm

24./ 25. November 2007 Würzburg

30. November 2007 Stuttgart

Winter

Melchior Frank
1580 – 1639

aus „Fünf Hohelied-Motetten“ (1608):
„Meine Schwester, liebe Braut“

Hohes Lied IV, 12-16

Heinrich Schütz
1585 – 1672

„Ego dormio“ (SWV 63)

Hohes Lied V, 2

Frühling

Ivan Moody
*1964

aus „Canticum Canticorum I“
           1. „Surge propera amica mea“
           2. „Descendi in hortum meum“

Hohes Lied
II, 10-13
VI, 11 und VII,1

Frühsommer

Orlando di Lasso
1532 – 1595

„Tota pulchra es“

Hohes Lied IV, 7 + 11;
II, 11, 12, 10b und IV, 8

Edvard Grieg
1843 – 1907

aus: „Fire Salmer“ (1906), op. 74
Nr. 1, „Hvad est du dog skjön“

Maurice Duruflé
1902 – 1986

aus „Quatre motets sur des thèmes grégoriens“:
Nr. 2. „Tota pulchra es“

Sommer

Henry Purcell
1659 – 1695

„I am the rose of Sharon“

Hohes Lied II, 1 und VII, 12-13

Hermann Schroeder
1904 – 1984

„Hohe Lied – Motette II“

Hohes Lied VII, 6-8 und VII, 12-13

Ivan Moody
*1964

aus „Canticum Canticorum I“:
           3. „Ego dilecto meo“

Hohes Lied VII, 11-13

Herbst

Melchior Frank
1580 – 1639

aus „Fünf Hohelied-Motetten“ (1608):
„Ich sucht des Nachts in meinem Bette“

Hohes Lied III, 1-4

Henry Purcell
1659 – 1695

„By Night on my bed“

Hohes Lied III, 1-2

Winter

Benjamin Britten
1913 – 1976

aus „Ad Majorem Dei Gloria“:
Nr.2, „Rosa Mystica“

Trond Kverno
*1945

„Ave maris stella“