Vocalensemble Würzburg - Der feine Chor aus Würzburg

Zigeunerlieder

Zigeunerlieder von Johannes Brahms


sowie Werke von Béla Bartók, Zoltán Gárdonyi, Zoltán Kodály und György Ligeti

Klavier: Holger Berndsen

Sonntag, 16. Mai 2010 um 18.00 Uhr
Saalbau Luisengarten, Würzburg

Eigentlich für den hausmusikalischen Gebrauch geschaffen, erfreuten sich die elf Zigeunerlieder op. 103 von Johannes Brahms von Anfang an größter Beliebtheit. Der hoch gebildete Wiener Kaufmann Hugo Conrat hatte zusammen mit dem ungarischen Kindermädchen der Familie eine Übersetzung magyarischer Volks- und Liebeslieder angefertigt, die dem Komponisten als willkommene Vorlage zur Vertonung dienten. Die daraus entstandenen vierstimmigen Sätze mit Klavierbegleitung erlebten Ihre „Uraufführung“ also im Musikzimmer der befreundeten Conrats mit teilweise namhaften Sängerpersönlichkeiten aus Brahms’ damaligen Bekanntenkreis. Schnell verbreiteten sich die kleinen Kunstwerke in Wien und fanden großen Gefallen in den Häusern des gebildeten Bürgertums. Der Erfolg dieser ersten Komposition veranlasste Brahms zu weiteren vier Liedern, die er zusammen mit zwei inhaltlich nicht verwandten Quartetten in seinem op. 112 veröffentlichte. Einige dieser schlicht volkstümlichen, aber wunderbar expressiven Stücke sind auch in einer Version für Solostimme mit Klavier erschienen, doch erreichen diese nicht die gleiche Ausdrucksstärke und Tiefe wie jene äußerst kunstvoll gesetzte vierstimmige Fassung.

Neben den Brahms’schen Zigeunerliedern wird das Vocalensemble Würzburg Musik von vier Ungarischen Komponisten des 20. Jahrhunderts in seinem aktuellen Programm präsentieren. Besonderer Dank gilt an dieser Stelle Herrn Prof. Dr. h. c. Zsolt Gárdonyi, der interessante biographische Details zu den aufgeführten Komponisten zusammengefasst hat. 

Béla Bartók (1881 – 1945) studierte an der von Franz Liszt 1875 gegründeten  Musikakademie in Budapest Komposition bei Hans Koessler und Klavier beim Liszt-Schüler István Thomán. Im Laufe seiner internationalen Konzertkarriere trat er auch als Interpret eigener Werke hervor, so war er beispielsweise Solist der Uraufführung seines ersten Klavierkonzertes in Frankfurt 1926 unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler. Von 1907 bis 1932 lehrte Bartók als Professor für Klavier an der Musikhochschule in Budapest, danach wirkte er als freischaffender Komponist und widmete sich verstärkt der Erforschung der Volksmusik Ungarns und der benachbarten Länder. Béla Bartók emigrierte 1940 in die USA und erhielt in New York das Ehrendoktorat der Columbia University. Er gehörte nach den Worten seines Freundes und Weggefährten Zoltán Kodály „zu jenem Menschenschlag, der alles auf Erden verändern, alles schöner und besser machen will. Aus dieser Gattung gehen die Größten der Kunst und Wissenschaft hervor.“.

Zoltán Kodály (1882 – 1967) bewahrte zusammen mit Béla Bartók das alte ungarische Liedgut durch jahrelange Sammeltätigkeit und durch wissenschaftliche Erschließung vor dem Vergessen. Durch sein kompositorisches und musikpädagogisches Wirken wurde Kodály zur zentralen Gestalt des ungarischen Musiklebens im 20. Jahrhundert. Auch als Professor an der Musikakademie in Budapest verfolgte er konsequent die Idee, die Entwicklung der Musikalität in der ganzen Bevölkerung vom Kindesalter an durch „gesungene Erfahrung“ unter Einbeziehung des ungarischen Volksliedes zu fördern. Dies verknüpfte er mit der bekanntlich bis heute sehr nützlichen Methode der relativen Solmisation, die bereits auf Guido von Arezzo (11. Jahrhundert) zurückgeht. Seine Konzeption wurde später von der internationalen Fachwelt ( und nicht von Kodály selbst ! ) als die „Kodály-Methode“ benannt, und sie hat in der Tat zu einem erstaunlichen Niveau der ungarischen Musikerziehung und zu deren weltweiter Beachtung geführt.

Zoltán Gárdonyi (1906 – 1986) hinterließ ein reiches kompositorisches Œuvre, das neben Orchester- und Chorwerken sowie vielfältiger Kammermusik auch die verschiedensten kirchenmusikalischen Gattungen umfasst. Durch seine Biografie war er sowohl mit Béla Bartók und Zoltán Kodály als auch mit György Ligeti verbunden. Die Mutter Zoltán Gárdonyis, die Pianistin Maria Weigl war Bartóks Studienkollegin in der Klavierklasse des Liszt-Schülers István Thomán an der Budapester Musikakademie, an der dann Zoltán Gárdonyi mit 17 Jahren Kompositionsschüler von Zoltán Kodály wurde. Nach weiteren Studien in Berlin bei Paul Hindemith wirkte Gárdonyi von 1941 bis 1967 als Professor an der Hochschule für Musik „Ferenc Liszt“ in Budapest, dort gehörte zeitweilig auch der junge György Ligeti zu seinen Musiktheorie-Kollegen. Seit 1972 lebte Zoltán Gárdonyi mit seiner Familie in Deutschland und verstarb kurz nach seinem 80. Geburtstag im westfälischen Herford. Sein heute als Würzburger Erstaufführung erklingendes Chorwerk „Ende September“ vertont ein Liebesgedicht des bedeutendsten ungarischen Lyrikers des 19. Jahrhunderts, Sándor Petőfi.   

György Ligeti (1923 – 2006) war bis zu seiner Emigration nach dem Ungarn-Aufstand 1956 Dozent für Tonsatz und Gehörbildung an der Hochschule für Musik „Ferenc Liszt“ in Budapest. Nach einigen Jahren der kompositorischen Arbeit im Studio für elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks in Köln lebte Ligeti von 1969 bis 1972 in Berlin und wurde dort auch Mitglied der Berliner Akademie der Künste, die er 1992 verließ. 1972 war er „Composer in Residence“ an der Stanford University in Kalifornien, anschließend wirkte er bis 1989 als Kompositionslehrer an der Hamburger Musikhochschule. Als weltweit bekannt gewordener Komponist der Avantgarde verbrachte Ligeti die letzten Jahre seines Lebens in Wien. Sein vielfältiges Schaffen umfasst auch zahlreiche Filmmusiken, darunter den Soundtrack für Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“.